Akkulturation – Anpassung der kulturellen Identität

Glossar

Begriffserklärung – Definition Akkulturation

Unter Akkulturation versteht man Anpassungsprozesse, die als Reaktion auf langfristige Kontaktsituationen zwischen Mitgliedern verschiedener Kulturen entstehen und bestimmte Veränderungen für die Beteiligten mit sich bringen. Dabei sind bewusste und unbewusste (strategische) Positionierungen zu beobachten, die sich entweder an der Herkunftskultur oder an der Aufnahmekultur orientieren. Diese Vorgänge des Aushandelns zwischen fremder und eigener Kultur können individuell stattfinden oder eine Gruppe kollektiv betreffen. Hierbei ist auch der jeweilige Rahmen des Auslandskontakts zu berücksichtigen, also ob es sich um eine befristete Auslandsentsendung, einen längeren Aufenthalt oder Migration handelt.

Akkulturationsmodell nach John W. Berry

Ein bekanntes Modell zu den Dimensionen von Akkulturation liefert John W. Berry (1990). Grundlegend sind für Berry die Fragen nach der Ausrichtung: Will das Individuum oder Kollektiv die eigene Herkunftsidentität behalten oder will es sich an der dominanten Mehrheitskultur orientieren? Daraus ergeben sich für ihn vier Strategien der Akkulturation:

  • Integration
  • Assimilation
  • Segregation
  • Marginalisierung

Unterschiede der Akkulturationsstrategien

Die Strategien bei der Akkulturation unterscheiden sich nach der jeweiligen Beziehung zur Mehrheitskultur und dem Grad des Erhalts eigenkultureller Werte. Bei einer positiven Beziehung zur Mehrheitskultur wird das Individuum bzw. Kollektiv integriert oder assimiliert.

Integration

Während bei Integration die eigenkulturelle Identität weitgehend erhalten bleibt, wird sie bei Assimilation aufgegeben. Bei Integration streben Personen oder Gruppen nach Multikulturalität, bei der das eigene kulturelle Erbe in die Mehrheitsgesellschaft getragen wird. Dies erfordert natürlich auch eine Integrationsbereitschaft der dominanten Kultur, die einen wechselseitigen Austausch interkultureller Denk- und Verhaltensweisen ermöglicht. Berry (2005) unterscheidet drei Formen der Integration: aktive Akzeptanz der kulturellen Diversität in einer Gesellschaft, sozialstrukturelle Integration in das Beziehungsgeflecht einer Gesellschaft und sozialkulturelle Integration unter Rücksichtnahme auf kulturelle Unterschiede.

Assimilation

Bei Assimilation herrscht für Migranten ein höherer Anpassungsdruck an die Aufnahmekultur. Dies bringt eine Aufgabe oder Ablehnung der Eigenkultur mit sich. Durch die bewusste Übernahme von Sprache sowie Denk- und Verhaltensmustern des neuen kulturellen Systems wird die eigenkulturelle Identität nach und nach überlagert. Assimilation ist somit meist ein einseitiger Anpassungsprozess einer Minderheits- an die Mehrheitsgesellschaft.

Segregation und Marginalisierung

Herrscht hingegen eine ablehnende Haltung gegenüber der dominanten Kultur, liegt entweder Segregation oder Marginalisierung vor. Bei Segregation werden die eigenkulturellen Werte und Denkmuster bewusst erhalten ohne, dass Kontakt zur Mehrheitskultur hergestellt wird.

Bei Marginalisierung werden bestehende kulturelle Identitäten aufgebrochen bei gleichzeitiger ablehnender Haltung zur Aufnahmekultur. Häufig ist damit ein Zustand kultureller Orientierungslosigkeit verbunden, der zu sozialer und lokaler Abgrenzung und Isolierung führt. Unter gewissen Bedingungen kann die Position der Marginalisierten allerdings auch konstruktiv eingesetzt werden.

Gerade durch den Abstand zu kulturellen Referenzsystemen können situationsabhängige Realitäten entstehen und somit alte Normen hinterfragt und neue ethische Grundlagen geschaffen werden. So lässt sich das hohe Frustrationsniveau, das Marginalisierung meist für alle Beteiligten mit sich bringt, senken oder in neue Gestaltungsmöglichkeiten in Bezug auf Interkulturalität umwandeln.

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Literatur

Berry, John W. (1990): Psychology of acculturation: Understanding individuals moving between cultures. In: Brislin, R. (Hg.): Applied Cross-Cultural Psychology. Newbury Park: Sage, S. 232-253.
Berry, John W. (2005): Acculturation: Living successfully in two cultures. In: International Journal of Intercultural Relations, 29, S. 697-712.
 

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